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Cloud Atlas: Wahnwitz mit rotem Faden

Foto: © X Verleih AG

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Nachdem ich »Cloud Atlas« im Kino gesehen hatte und dabei nur einen Teil der vielen Fäden, die mir in die Hand gespielt wurden, verknüpfen konnte, war ich ebenso verwirrt wie fasziniert. Deshalb habe ich mich der Sogwirkung des Streifens nach vielen Monaten erneut im Heimkino ergeben – und dies gleich zwei Mal hintereinander!

Fasziniert war und bin ich von »Cloud Atlas« aufgrund seiner Vielschichtigkeit und der Neugierde, die bei mir geweckt wurde, wie denn die verschiedenen Figuren in Zeit und Raum zusammenhängen. Dies auf Anhieb zu verstehen, fällt schwer, denn durch diverse, teilweise harte Schnitte wird der Zuschauer immer wieder in ein gänzlich anderes Szenario katapultiert, statt sauber mit der Zeitmaschine von Stockwerk zu Stockwerk zu reisen. Recht schnell wird jedoch deutlich, dass der scheinbare Wahnwitz der Erzählung einer Methode folgt, über einen starken roten Faden verfügt und eine klare Struktur aufweist.

Phantastisches Puzzle

Gedanklicher Zusammenhalt des Filmepos »Cloud Atlas« ist eine Melodie – das »Wolkenatlas Sextett«, das von einem Komponisten in Gedanken an seine von ihm getrennt lebende große Liebe geschrieben wird. Es verkörpert die Vorstellung, dass Menschen sich in verschiedenen Leben und verschiedenen Epochen immer wieder begegnen – und sei es durch die Konsequenzen ihres Handelns. Im Film klingt diese Musik mal in einem diesseitigen Schallplattenladen, mal in einem futuristisch-alptraumhaften Café an, in der alle Kellnerinnen dasselbe Gesicht haben.

Der gesamte Film »Cloud Atlas« dreht sich nun um unsere Taten, seien sie gut oder schlecht und um die Auswirkungen, die jede einzelne von ihnen und damit jeder Einzelne von uns auf den Fortgang der Weltgeschichte bis hin zum Fortbestand unseres Planeten hat. Unsere Leben gehören uns nicht allein, wird in sechs verschachtelten Geschichten behauptet. Vielmehr seien wir alle miteinander verbunden mit anderen Menschen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Glaube und Liebe seien maßgebliche Kräfte, die ihren Ursprung weit vor unserer Geburt nehmen und unser Leben bestimmen. Kurz: Was auch immer wir tun, es hat Auswirkungen auf das, was folgt, mag es auch noch so unbedeutend scheinen.

Um dies zu veranschaulichen, werden sechs Geschichten erzählt, die eng miteinander verwoben sind und immer wieder Bezug aufeinander nehmen.

Verwobene Episoden

Cloud Atlas Foto: © X Verleih AG

Foto: © X Verleih AG

Der amerikanische Anwalt Ewing durchpflügt 1849 im Auftrag von Sklavenhändlern den Pazifik, wo er mit der Unterdrückung der Maori konfrontiert und von einem geldgierigen Arzt mit Gift »behandelt« wird. Der Anwalt verfasst auf der Heimreise ein Tagebuch, dessen eine Hälfte dem Komponisten und späteren »Wolkenatlas-Sextett«-Schöpfer Robert Frobisher 1936 in die Hände fällt. Dieser wird durch die Lektüre des Berichts derart angeturnt, dass er seine verflossene große Liebe Rufus Sixsmith bittet, den zweiten Teil des Buches für ihn zu suchen.

Sixsmith wiederum begegnet Jahrzehnte später in einem steckengebliebenen Aufzug einer jungen Reporterin namens Luisa Rey, die einem Geheimnis um einen defekten Atom-Meiler auf der Spur ist. Er hinterlässt ihr die Briefe seiner Jugendliebe Frobisher. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd trifft die Journalistin Sixsmiths Nichte und tauscht die Briefe gegen einen Hintergrundbericht über den defekten Reaktor.

Luisa Reys Reportage fällt 2012 dem Verleger Timothy Cavendish auf, der sie als Buch verlegt, nachdem er auf wundervolle Weise aus einem geschlossenen Altenheim flieht, in das ihn sein rachsüchtiger Bruder gesteckt hat. Bei seinem Ausbruch aus dem Seniorengefängnis erklärt er: »Das ist ein Verstoß gegen die Bestimmungen des Freiheitsschutzgesetzes. Ich werde diesen kriminellen Missbrauch nicht tolerieren.« Er schreibt sein Leben auf, es wird verfilmt.

Anno 2144 sieht diesen Spielfilm in einer futuristischen Welt ein Klonsklavin namens Sonmi-451, die von Rebellen vor der Verarbeitung zu Biomasse gerettet wird. Inspiriert durch den rebellischen Aufruf von Cavendish verfasst Somni selbst einen Appell zur Freiheit und klärt über die Verbrechen der Herrschenden auf. Noch während ihre Rede ausgestrahlt wird, stürmen Regierungssoldaten die Sendestation. Das Mädchen wird verhaftet und vor ihrer Hinrichtung von einem Archivar über ihre Erlebnisse befragt. Die Veröffentlichung der Wahrheit macht sie zu einer gottgleichen Heldin, an die viele Menschen glauben.

Im Jahr 106 nach der Apokalypse, mit der die Erde in die Eisenzeit zurückgebombt wurde, trifft der Ziegenhirte Zachary auf Meronym, eine der letzten Vertreterinnen der einstigen Hochkultur, die zu Handelszwecken mit seinem Volk Kontakt hält. Er führt sie auf ihr Bitten durch ein von Menschenfressern beherrschtes Gebiet auf die Spitze eines heiligen Berges. Dort steht die Kommunikationsstation, von der Somni einst ihren Freiheitsaufruf ins Weltall schickte. Mittels dieser Anlage gelingt es, Kontakt zu anderen bewohnten Planeten aufzunehmen, die Hilfe schicken, um die beiden von der verseuchten Erde abzuholen.

Der Film klingt aus, wie er begann: Ein alter Mann, eben der einstige Ziegenhirte Zachary, erzählt Kindern seine Geschichte und zeigt ihnen am Sternenhimmel, von welchem blauen Planeten er stammt. Eine anfangs scheinbar heillos verworrene Geschichte fügt und rundet sich auf wundervollste Weise.

Foto: © X Verleih AG

Foto: © X Verleih AG

Grandiose Schauspieler

Nach drei bisweilen verwirrenden Stunden wird im Abspann von »Cloud Atlas« verraten, welche unglaublichen Leistungen die Schauspieler samt ihrer Kostüm- und Maskenbildner in dem Opus geleistet haben. Denn alle Hauptdarsteller verkörpern jeweils sechs verschiedene Rollen und spielen in jedem der sechs Teile der Geschichte mit. Männer spielen Frauen und umgekehrt, sie schlüpfen in verschiedene Rassen, Klassen und Nationalitäten.

Hugh Grant ist einmal der Anführer der Kannibalen, dann der kriminelle Reaktorboss und auch der Bösewicht, der seinen eigenen Bruder in ein Altengefängnis sperrt. Halle Berry interpretiert mal Meronym, mal die Journalistin Luise Rey, mal einen sadistischen Doktor, dann eine deutsche Jüdin. Hugo Weaving brilliert als sadistische Oberschwester, Doona Bae verkörpert Somni. Tom Hanks spielt einen Hoteldirektor in einer Absteige in Edinburgh, aber auch den Eingeborenen Zachary. Jim Broadbent, Hugh Weaving, Ben Wishaw – sie alle tragen dazu bei, ein vielschichtiges Kunstwerk zu entwerfen, das – ohne Übertreibung – seinesgleichen sucht.

Genretechnisch gibt es einen klassischen Krimi im Stil des Film Noir, ein Science-Fiction-Abenteuer, eine wundervolle Komödie, einen packenden Historienfilm. Es gib wilde Verfolgungsfahrten, Ballerszenen und furiose Kämpfe, Hetzjagden, Szenen voller Melancholie und Wehmut  … Man könnte aus dem Film bequem mehrere Spielfilme schneiden.

Mein Fazit

»Cloud Atlas« ist nicht nur der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Er ist auch einer der anspruchsvollsten und verschlungensten Streifen, den ich je gesehen habe. Schauspielerisch hochkarätig besetzt, meisterhaft inszeniert und in jedem Augenblick für eine Überraschung gut. Die Regisseure Andy und Lana Wachowski im Gespann mit Tom Tywker haben Unvergleichbares geleistet. Wer bereit ist, sich auf ein gänzlich neues Sehen einzulassen, der wird mit diesem Film reich beschenkt.

Hier noch der Link zur literarischen Vorlage des Films: http://www.amazon.de/Der-Wolkenatlas-David-Mitchell-ebook/dp/B009KYVYY8

Ruprecht Frieling aka »Prinz Rupi« ist Autor, Verleger und Produzent. Der Mann mit dem Hippie-Herzen liebt Bücher, Blues, Bach, Wagner, Dada, Surrealismus sowie alles, was schräg ist.

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