8. LoveLetterConvention – das ultimative Fest für Fans des Liebesromans

Geschätzte Lesezeit für diesen Beitrag: 10 min LoveLetterConvention – das Fest für Fans des Liebesromans Ruprecht Frieling auf der 8. LLC im Berliner Café Moskau „Du gehst zur LoveLetterConcention?“, lacht eine Bekannte, „dann kannst du ja deiner Frau künftig herzerweichende Liebesbriefe schreiben!“ – Nun, perfekte Liebesbriefe kann ich nach dem Besuch zwar immer noch nicht verfassen, aber ich habe einen tiefen Einblick in eine Literaturszene bekommen, der in dieser Form wohl nirgendwo anders in Europa geboten wird. Es geht auf der LoveLetterConvention, kurz LLC genannt, nämlich um den Liebesroman, es geht um Romance. Berlin, Café Moskau. Rund 1.200 meist junge Frauen und gefühlt maximal zehn Männer treffen sich in dem schon zu DDR-Zeiten bekannten Gebäude zur zweitägigen LoveLetterConvention, die mit sprunghaft wachsendem Zuspruch bereits zum achten Mal stattfindet. Ich fühle mich ein wenig erdrückt von der weiblichen Übermacht. Am Eingang treffe ich indes als erstes Dietmar Hesse, der aus Hannover zur LLC nach Berlin gekommen ist, hier allerdings unter seinem weiblichen Pseudonym Dinah Herbst auftritt. Er ist einer der wenigen Männer, die Liebesromane schreiben. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes heiß her im Café Moskau, in dem die LoveLetterConvention erstmals gastiert. Die Sonne knallt, und die Thematik, um die es geht, ist voll knisternder Erotik. »Liebe ohne Ende oder One-Night-Stand?“, fragen Karin Lindberg und Rose Snow bereits vor der glühenden Mittagshitze in einem Workshop. Beide sind erfahrene Bestseller-Autorinnen. „Ich schreibe, bis ich Krämpfe in den Händen bekomme“, sagt Karin Lindberg über sich selbst. Sie hat eine Backlist von zwei Dutzend prickelnden Liebesromane an außergewöhnlichen Orten und tummelt sich gern in Bestsellerlisten. Sie tritt, selten in der Szene, mit Klarnamen auf und verwendet kein amerikanisch klingendes Pseudonym. Hinter dem Künstlernamen Rose Snow stecken hingegen gleich zwei Autorinnen, die sich seit ihrer Schulzeit kennen und gemeinsam gefühlvolle Fantasy- und auch Jugendromane verfassen. Keine der Damen wirkt allerdings so, als ob sie von einem One-Night-Stand zum nächsten tingelt, doch die schriftstellerische Phantasie ist bekanntlich frei und unterliegt keinem Upload-Filter. „Das ist eines der Klischees, die uns Autorinnen unheimlich ärgert,“ sagt mir Emily Bold, „da fragen uns Leser, ob alles autobiographisch sei, was wir schreiben oder ob wir wirklich alle geschilderten Situationen durchlebt und sämtliche Stellungen durchprobiert haben.“ Zu den Vorurteilen, mit denen die Branche zu kämpfen hat, zählen auch die verbreiteten Vorurteile, Liebesromane seien keine „echten“ Bücher und den Texten fehle der erforderliche Tiefgang. Die Autorinnen kämpfen gegen das gängige Vorurteil, wonach alles Schund und Schrott sei, was sie schreiben. Sie wollen ihre Leser in erster Linie unterhalten und sind dabei durchaus bemüht, das gängige Rollenbild der Frau vom Heimchen am Herd und als schmelzendes Eis in der Hand muskulöser Highlander aufzubrechen. Ihre Protagonistinnen sind selbstbewusste junge Frauen, die sich für ihre Interessen einsetzen, auf den Tisch hauen können und sagen, was sie wollen. Dabei zeichnen sich Trends ab, die meistens aus den USA vorgegeben werden und sich wenig später auch auf dem deutschen Buchmarkt spiegeln. Cathy Maxwell kommt aus Texas zur LoveLetterConvention nach Berlin. Die gestandene Mit-Sechzigerin sammelte jahrzehntelange Erfahrung im Journalismus, bevor sie mit dem Romanschreiben loslegte. Inzwischen veröffentlichte sie 35 Liebesromane, die sich auf den Bestsellerlisten von New York Times und USA Today tummeln. „Sex kommt nie aus der Mode,“ lacht sie mich an, als ich sie nach aktuellen Trends in der Romance-Literatur frage, „aber natürlich verändert sich der Lesergeschmack und verlangt von uns Autoren, darauf einzugehen.“ Derzeit seien besonders romantische Komödien gefragt, der Leser wolle auch mal lachen können. Typisch seien kurze Reihen von meistens drei Büchern, die jeweils mit festen Protagonisten arbeiten. „Clean romance“ nennen die Amis das, was ich bislang „christian romance“ nannte. Dabei geht es um Literatur für Leserinnen im sogenannten Bibelgürtel der USA, die sich hoher Beliebtheit erfreue. Nach seitenlangem Zögern kommt es vielleicht zum leidenschaftlichen Kuss, doch bereits das Öffnen von Blusen oder gar Hosenschlitzen ist tabu. Schließlich geht die christlich erzogene Frau unberührt in die Ehe, so sehr es sie auch jucken mag. Für Cathy Maxwell ist das nichts. Ihre Bücher sprühen vor Erotik, lediglich der „heat level“, also der Schärfegrad und Eindeutigkeit der Darstellung von Intimitäten sei unterschiedlich, verrät sie mir. Ansonsten gebe es in den USA unverändert die gesamte Bandbreite vom Dino-Sex bis hin zur „Amish Romance“, wobei es dabei maximal zum gemeinsamen Bibelstudium bei Kerzenlicht komme. Die erfolgreichste Autorin dieses seltsamen Genres, Beverly Lewis, hat immerhin bis heute mehr als 17 Millionen Bücher verkauft. Literaturagentin Kimberly Brower aus New York findet die LLC „exciting“. Sie erzählt, dass auch Trends aus Europa in die USA schwappen. So sei die „Royality Romance“ aus Großbritannien gekommen und habe unter Lesern großen Anklang gefunden. Dabei geht es, die Bezeichnung macht es klar, um blaublütige Protagonisten, die in herrlichen Schlössern leben und dort Glück bescheren oder suchen. Entsprechend heißt das jüngste Buch von Cathy Maxwell „The Duke That I marry“. Wie gefallen den amerikanischen Autorinnen die Bücher ihrer Bücher ihrer deutschen Kollegen? „Die deutschen Cover sind weicher und dekorativer als in Amerika,“ schmunzelt Cathy. „Sie sehen aus wie liebevoll verpackte Schokolade“. Dies könne mit dem Buchhandel zusammenhängen, der sich scheue, Titel mit expliziten Cover-Fotos auszulegen. Dabei kenne ich inzwischen auch deutsche Buchhandlungen, die spezielle Tische mit „härteren“ Titeln präsentieren, ohne dass der Jugendschutz Alarm schlägt. Auf der LoveLetterConvention treffe ich mehrheitlich auf Autorinnen, die bei Verlagen publizieren. Autorin Elvira Zeißler, die 2018 mit „Wie Gräser im Wind“ den Kindle Storyteller Award gewann, veröffentlicht als Ella Zeiss bei Bastei Lübbe sowie Tinte und Feder. Als Ellen McCoy schreibt sie im Self-Publishing humoristische Belletristik für Frauen und behauptet mit ihrer bislang dreibändigen Alaska-Reihe, dass erst ein Sehnsuchtsort eine Geschichte perfekt macht. „Der Ort macht die Geschichte,“ erklärt mir Elvira, und ich denke folgerichtig an eine Lady im Business-Kleidchen, die auf High-Heels durch knietiefen Schnee stapft, bis sie ein gut gebauter Holzfäller in seine muskulösen Arme nimmt und auf ein weiches Bärenfell vor knisterndem Kaminfeuer bettet … Bei Elvira/Ellen besuche ich übrigens einen halbstündigen Workshop, bei dem es um das Setting eines Liebesromans geht. Bevor ich entfliehen kann, muss ich mich der Aufgabe stellen, einen Plot für eine derartige Geschichte zu schreiben. Und, welch Wunder, … 8. LoveLetterConvention – das ultimative Fest für Fans des Liebesromans weiterlesen