Was ist Twitter?
Ich pflege meine Homepage. Ich betreibe Blogs. Ich bin per Handy rund um den Erdball überall und jederzeit erreichbar. Manchmal gehe ich sogar auf die Straße und treffe Menschen aus Fleisch und Blut. Herz, was will ich mehr?
Ich will Twitter. Hinter diesem Namen, der an Gezwitscher erinnert und es letztlich auch ist, verbirgt sich der neueste Hype des Web 2.0. Die »New York Times« nennt es »eines der am schnellsten wachsenden Phänomene im Internet«. »Newsweek« meint, es schiene, »als ob die ganze Welt zwitschere«. Und auch die innovativsten Köpfe der deutschsprachigen Blogger- und Journalistenszene sind begeistert und erobern die Welt des Mikro-Bloggens.
Bei Twitter können registrierte Nutzer miteinander ein Netzwerk aufbauen und kurze Einträge mit maximal 140 Zeichen veröffentlichen. Das sind persönliche Zustandsmeldungen ebenso wie Hinweise auf lesenswerte Netzartikel. Die für den Nachrichtendienst verwendete SMS-Kürze reduziert den Aufwand auf ein Minimum und lässt sich sehr viel komfortabler nutzen als ein klassischer Blog, der hohen Zeit- und Arbeitsaufwand fordert. Dabei eröffnet die Kürze der Nachricht einen zusätzlichen Charme.
Nach der Anmeldung bei Twitter kann begonnen werden, einen Streichelzoo aus »Followern« aufzubauen, indem Teilnehmer, die dem jeweiligen User interessant scheinen, ausgewählt und angeklickt werden. Künftig werden die Kurzeinträge dieser Leute in zeitlicher Reihenfolge aufgelistet. Anders als beim Bloggen müssen die »Freundschaftsanfragen« weder begründet noch bestätigt werden, einzelne Teilnehmer können jedoch blockiert werden.
Eigene Einträge sind weltöffentlich und können von jedermann gelesen werden. Sinn ist, abonniert zu werden und damit eine eigene Gefolgschaft aufzubauen. Damit öffnet sich jedoch die Gefahr, von Stalkern beobachtet zu werden. Es besteht deshalb auch die Möglichkeit, Einträge privat zu stellen und damit nur dem Kreis der Freunde zugänglich zu machen.
Verschiedene Applikationen wie Twitbin (im Rahmen des Firefox-Browsers) oder Twhirl (mit Adobe Air) ermöglichen eine unkomplizierte Nutzung des Dienstes direkt über den Browser oder Desktop. Nachrichten können damit von jeder Position eingegeben werden, sie können außerdem vom Handy als SMS an die Plattform geschickt werden. Damit entspricht die Technik der Generation, die diese Art der Kurzkommunikation bereits in ihr Alltagsleben integriert hat.
Nummer Eins der Twitterer ist aktuell mit mehr als 30.000 Freunden der US-Präsidentenkandidat Barack Obama, der damit sein »largest grassroot movement of presidential politics« fördert. Während seine Gefolgsleute erfahren, dass er in Indiana Pressevertreter trifft, lässt die laut den Deutschen Twittercharts derzeitige Nummer Eins, Riesenmaschinist Sascha Lobo, rund 1.400 Neugierige wissen, das er anlässlich seines 33. Geburtstag in Sanssouci weilt und ein Frühstück einnimmt.
Das Mikro-Bloggen entspricht dem Trend, sich online zu entblättern und so Spaß zu haben. Dabei lässt natürlich jeder nur so viel Nähe zu, wie er auch tatsächlich möchte, und Kunstfiguren werden weiterhin im Rollenspiel bleiben. So kommt es in Amerika dazu, dass ganze Städte am Schicksal einer Katze teilhaben, die unter Blähungen leidet. Ich erfahre, dass Jochen Hoff seinen Dackel ausführt, Thomas Wanhoff in Kambodscha schwitzt und Don Dahlmann Schwarzriesling mag. Klaus Eck verfolgt Nachrichten über Erdbeben in China und Weltexpress postet die jüngsten Ergebnisse vom Tennis.
Twitter ist bei besonderen Ereignissen blendend geeignet als blitzgeschwinder Stakkato-Nachrichtendienst, denn selbstverständlich können auch Bilder und Filme direkt vom Handy auf die Plattform gebeamt werden. Es lässt sich als Parallel-Kommentarstrecke zu einer Konferenz denken, und es kann als Nachrichtenstream von Großereignissen dienen. Aufgrund seiner Effizienz und Einfachheit entwickelt Mikro-Bloggen einen eigenen Suchtfaktor wie SMS und wird sich in Kürze wie ein mächtiges Gewitter am Web2.0-Himmel entladen. Die Rufe des Schwarms ergeben den Sinn, meint Jochen Hoff. Darauf twittere ich einen.
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