Lulu mischt den Buchmarkt auf
Von Wilhelm Ruprecht Frieling
Nach einem furiosen Auftritt in den USA stellt der Internetanbieter Lulu jetzt seine Dienste auch in europäischen Ländern einschließlich Deutschland zur Verfügung. Lulu bietet jedem Urheber ein benutzerfreundliches und preisgünstiges Angebot, seine Bücher, Kalender und CDs online herzustellen und zu vertreiben. Damit bedrängt das Technologieunternehmen, das mit 55.000 veröffentlichten Titeln bereits mehr Bücher im Programm führt als die zehn größten US-Verlagshäuser zusammen, klassische Buchverlage, Zuschussverlage und Unternehmen, die sich auf die bedarfsgerechte Herstellung von Büchern in Kleinauflagen (Books on Demand) spezialisiert haben.
www.lulu.com/de lautet die Adresse des neuen Internet-Portals mit Sitz in Morrisville, North Carolina. Sie ist Teil eines Angebots, das Lulu neben Deutschland in Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden startet. Zielgruppe des Internetanbieters sind Autoren, Grafiker, Künstler und Verleger, die sich risikofrei mit kleinen Auflagen ausrüsten wollen. Das Revolutionäre an dem Dienst ist, dass keine Abwicklungspauschalen, Mindestgebühren oder „Mastering-Kosten“ verlangt werden, um ein Buch, einen Kalender oder eine CD herzustellen. Alles funktioniert online ohne Telefon-Support oder Vertreterdienste. Künftig kostet es denjenigen, der halbwegs mit einem Textverarbeitungsprogramm umgehen kann und über einen Internetzugang verfügt, nur noch ein Lächeln, sein Buch herzustellen und so lange damit herum zu experimentieren, bis es eine ihm genehme Form aufweist.
Hinter Lulu steht Bob Young. Der 52jährige kanadische Unternehmer zählt zu den führenden Köpfen der Technologiebranche. Er war Mitbegründer der Firma Red Hat, die sich als weltweit führendes Open-Source Software-Unternehmen etablierte und inzwischen Marktführer im Bereich der Server Linux-Distributionen ist. Open-Source revolutionierte das Software-Geschäft, weil es den Verbrauchern Kontrolle und Entscheidung ermöglichte. Mit Hilfe des Internets und der Print-on-Demand-Technologie revolutioniert jetzt Young mit Lulu die Art der Veröffentlichung auf dieselbe Weise, indem es Autoren die alleinige Kontrolle über ihre eigenen Werke gibt. „Wir nehmen das Veröffentlichen aus den Händen einer Elite und öffnen es für Tausende neuer Autoren, indem wir es so einfach machen ein Buch zu veröffentlichen, wie einen Blog zu starten,“ erklärte Young zur Einführung des Dienstes in Europa. Ziel sei, für das Publizieren zu erreichen, was Apple bereits für die Musik geschaffen habe: mit Hilfe des Internets die Kosten drastisch zu senken und die Art und Weise zu verändern, in der Bücher normalerweise produziert und verkauft werden.
Wer auf den Seiten von Lulu surft, stellt schnell fest, wie simpel künftig das Publizieren wird. Unterstützt von einem Video-Assistenten werden alle Arbeitsschritte genau erklärt. Lulu verarbeitet alle gängigen Textverarbeitungsprogramme und erstellt daraus automatisch PDF-Druckvorlagen. Für die Titelgestaltung eines Buches können eigene Bilder hochgeladen oder im Archiv vorhandene Motive gratis verwendet werden. Die Produktionszeit für ein Buch beträgt derzeit rund zehn Tage. Dies wird beschleunigt, sobald entsprechende digitale Druckmaschinen auch in Deutschland verfügbar sind. Es wird dabei nur noch eine Frage von Zeit sein, bis die ersten Großbuchhändler entsprechende Druckmaschinen in ihren Läden aufstellen und vom Kunden verlangte Bücher sofort und aktuell ausgeben.
Bei einem Preisvergleich anhand der im Internet verfügbaren Kalkulatoren lässt sich folgende Aussage treffen: Ein Taschenbuch mit 124 Seiten Umfang und vollfarbigem Umschlag kostet bei Lulu in einer Auflage von 100 Exemplaren € 4,36 pro Buch. Der bisherige deutsche Marktführer BOD in Norderstedt verlangt € 369,00 Mastering-Kosten zuzüglich Herstellung, wonach der einzelne Band € 7,40 erfordert. Ähnlich fällt der Preisvergleich beim fest gebundenen Buch aus: ein einzelnes Hardcover mit farbigem Schutzumschlag kostet bei Lulu in einer Auflage von einhundert Exemplaren € 11,80 im Vergleich zu 13,37 bei BOD. Der hier angestellte Vergleich hinkt insofern, als Lulu bereit ist, auch nur ein einzelnes Buch für den Privatbedarf zu drucken, womit der Anbieter absolut konkurrenzlos wird. Durch die Möglichkeit des Einzeldrucks ergeben sich außerdem wesentlich mehr Testmöglichkeiten als bei einer Produktion, die in sich abgeschlossen ist. Das Ergebnis kann dadurch verfeinert werden. Außerdem ist eine spätere Fehlerkorrektur jederzeit möglich.
Im Lulu-Katalog finden sich bereits die ersten deutschsprachigen Bücher, die auch von dem Internetportal vertrieben werden. Rinaldo Wurglitschs Veröffentlichung „Temporale Daten in relationalen und objektrelationalen Datenbanken“ ist sogar bei Amazon gelistet und steht für den wachsenden Markt an brandaktuellen Büchern zu Datenbanken und Internet. Mit Lulu lassen sich Dokumentationen und Fachbücher künftig im Tagesrhythmus aktualisieren, es muss nicht erst der Rest einer Tausender-Auflage abverkauft werden. In dem Büchlein: „Nicht alle Tiere sind Elefanten“ von Peter Tögel finden sich kuriose Sprüche und Weisheiten eines Wiener Jahrhundertgenies des 19. Jahrhunderts. Über „Schlesisch Deutsche Küche. Wie bei uns zu Hause gekocht wurde“ schreibt Ralph Haenel. „Verschlungene Pfade“ nennt Julia Kramer ihre romantische Liebesgeschichte in deutscher Sprache, die mit ihrer Veröffentlichung allerdings zugleich einen Titelverstoß begeht, denn den Titel gibt es bereits von Bruce Chatwin.
Lulu verdient am Verkauf der Bücher, wobei der Autor entscheidet, ob er sein Buch über das Portal anbieten oder über einen privaten Link ausgewählten Interessenten vorbehalten möchte. Heute verkauft Lulu nach eigenen Angaben bereits 80.000 Bücher in einem Monat und macht einen Umsatz von fünf Millionen Dollar im Jahr – Tendenz bei rund eintausend neuen Projekten pro Monat kräftig steigend. Lediglich Dienste, die selbst Kosten verursachen, etwa die Vergabe einer ISBN-Nummer, sind auch für den Herausgeber kostenpflichtig. Erst wenn das Werk bestellt wird, behält Lulu eine Provision von 20 Prozent des Gewinns. Hat der Autor beispielsweise ein Honorar von vier Euro festgelegt, liegt der Gesamtgewinn, der auf die Druckkosten geschlagen wird, bei fünf Euro, die Provision bei einem Euro. Damit ist Lulu auch in diesem Punkt deutlich kulanter als Verlage, die neue Autoren umwerben.
Mit ihrem Dienstleistungsangebot hebt Lulu sich in jeder Hinsicht deutlich ab von klassischen Zuschussverlagen. Denen wird von Autorenverbänden unterstellt, kein Interesse am Abverkauf der von ihnen hergestellten Bücher zu haben und Betreiber eines weitläufigen Bücherfriedhofes zu sein. Die Motivation, sich für den Verkauf der vorliegenden Werke einzusetzen, sei gering, da die Autoren die komplette Produktion sowie den so genannten Overhead, das sind die Gemeinkosten und der unternehmerische Gewinn, als Eintrittsgeld in den Bücherhimmel vorab entrichtet haben. Mit der Herstellung sowie dem Bereithalten der Bücher sei der Job des Zuschussverlegers erledigt. Außerdem könne er damit rechnen, dass mindestens ein Drittel seiner Autoren ihre Werke von der Makulatur retten und später selbst erwerben werben. Lulu hingegen verdient ausschließlich am Verkauf und verlangt kein Eintrittsgeld.
Das Angebot von Lulu wird deshalb in kurzer Zeit Buchherstellung und Medienlandschaft gründlich aufmischen und das Publizieren so leicht machen wie den Umgang mit dem Auktionshaus Ebay.
13.09.2006