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Leseprobe aus: ANGRIFF DER KILLERKEKSE

Ruprecht Frieling: Angriff der Killerkekse

Ihr Paket wartet …

Ich schaue aus dem Fenster: Ein großer Gelber mit den fetten Buchstaben D-H-L steht direkt vor meinem Haus im Sonnenschein. D-H-L steht großspurig für das, was früher einmal schlicht und klar Post hieß. Wer sich in die ständigen Überraschungen, die uns die Nachfolger der Reichsgeneralpostmeisterei von Thurn und Taxis bescheren, nur langsam hineinfindet, dem sei gesagt: Es handelt sich um die gute alte Paketpost. Hoch auf dem gelben Wagen thronte dunnemals ein Postillion, der stolz ins Horn stieß und sein Kommen avisierte. Heutzutage hasten schlecht bezahlte Aushilfen durch unwirtliche Häuserfluchten und schmuddelige Treppenhäuser, um ihre schwere Last loszuwerden.

Meine Türklingel bleibt indes heute stumm, der gelbe Wagen rollt weiter. Schade, denn ich freue mich stets wie ein Kind auf die Sendungen, die mir die Post ins Haus trägt. Pakete zu bekommen ist einfach spannend. Selbst wenn mir der Inhalt bekannt zu sein scheint, weil ich wieder einmal Prospekte, Zeitschriften, Bücher, CDs oder Elektromüll bestellt habe, empfinde ich es doch jedes Mal aufs Neue erregend, die mehr oder weniger professionell verpackte Lieferung aufzureißen und mich über den geheimnisvollen Inhalt herzumachen. Heute gehe ich leider leer aus. Mist! Denn wie oft ist man gerade in dem Augenblick unterwegs, wenn der Bote läutet und seine Fracht loszuwerden versucht.

Stunden später verlasse ich das Haus. Im Briefkasten finde ich eine Benachrichtigung. »Ihr Paket wartet in der Packstation«, heißt es einer grünen Klappkarte. Toll! Es gab also doch ein Überraschungspaket. War der Kerl etwa zu faul, um zu klingeln? Ich war doch daheim! Mit krakeliger Schrift hat er die Benachrichtigung ausgefüllt und mir zum Hohn sogar die Uhrzeit notiert. Ich weiß genau, wann er da war. Ich habe sein Fahrzeug gesehen. Ich war zuhause, und meine Türklingel funktioniert einwandfrei. Zornig läute ich wie zum Beweis an der eigenen Tür, als wolle ich ihm hinterher schnauzen: Scheiß Post!

Die bescheuerte Benachrichtigung bietet mir zwei Möglichkeiten: Ich kann die zuständige »Zustellbasis« bitten, einen erneuten »Zustellversuch« zu unternehmen. Das wäre frühestens drei Werktage nach Absendung der Karte möglich. Immerhin ist eine Adresse vorgedruckt, das hinterlässt einen geordneten Eindruck. Doch wenn ich das mache, kommt bestimmt derselbe Faulkopf und wirft erneut eine Benachrichtigung durch den Briefschlitz, weil er zu faul ist, um zu klingeln. Vielleicht erklärt er aber die Sendung auch gleich für »unzustellbar«, wie er es mit einem Teil meiner Weihnachtspäckchen machte, obwohl ich seit Jahren unter ein- und derselben Adresse bekannt und erreichbar bin. Diesmal gehe ich lieber auf Nummer Sicher und selbst auf die Suche. Neugierig bin ich aber vor allem auf die neue Packstation, in der meine Sendung bereits am nächsten Abend abholbereit warten soll. Dabei soll es sich um eine vollautomatische Auslieferungsmaschine handeln.

Es klingt gut: In der Packstation kann ich mein Paket unabhängig von Öffnungszeiten 24 Stunden und sieben Tage die Woche am Automaten abholen. Wie das wohl in der Praxis klappen mag, frage ich mich. EDV macht schließlich vieles möglich. Doch spuckt vielleicht ein gefräßiges gelbes Maul mein Päckchen aus, sobald ich mit der Karte winke?

Mutter macht Dampf … aber beimPaketdienst scheitert selbst sie

Nur gut, dass ich nicht in der gleichen Nacht die Station mit einem Besuch beehre sondern sie erst am belebten Nachmittag aufsuche. Wie schön, dass ich ein Auto habe, sonst hätte ich dreimal den Bus wechseln müssen, um die genannte Packstation 133 am Hindenburgdamm zu erreichen. Ich treffe jedenfalls ein, finde sogar einen Parkplatz, denn es ist Samstag, und streiche um das ehemals gelbe Postgebäude herum.

Das Postamt existiert, zum Wochenende hat es allerdings geschlossen. Einen Hinweis auf eine Tag und Nacht geöffnete Packstation suche ich jedoch vergebens. Die einzige Möglichkeit, ins Innere des verriegelten Gebäudes zu gelangen, ist durch die Geldautomatenstube. Für die benötige ich eine Scheckkarte der Postbank. Nun besitze ich eine farbenfrohe Kollektion nützlicher und unnützer Plastikkarten, doch Kunde der Postbank bin ich nicht. – Wie komme ich also hinein?

Es naht ein netter junger Mann, der Geld abholen oder Kontoauszüge drucken möchte. Er ist zu meinem großen Glück arglos und hält mir höflich die elektrischen Glastüren auf, weil er meine Hilflosigkeit bemerkt. Offenbar ist er sicher, es mit keinem Straßenräuber zu tun zu haben, der es auf sein Bargeld abgesehen hat. Und Spürnase sei Dank: Im hinteren Teil der automatischen Kontostube steht eine gewaltige, gelbe Schrankwand. Das ist, wie die Inschrift informiert, meine gesuchte Packstation. Damit komme ich jetzt schnell und einfach an meine Sendung, so verspricht es die Benachrichtigung.

Respektvoll grüße ich den Koloss und trete an den in der Mitte eingelassenen Bildschirm. Durch einen Fingerabdruck auf den Bildschirm, postdeutsch heißt das Teil Touch Screen, öffnet sich ein Menü, auf dem ich das Feld, pardon!, den Button, mit der Aufschrift »Sendung abholen mit Benachrichtigungskarte« wähle. Der elektronische Schalterbeamte verlangt, den Strichcode auf der Rückseite der Karte vor den Scanner zu halten und auf weitere Anweisungen zu warten. Bei diesem Scanner handelt es sich um ein kleines Fenster, aus dem ein rubinroter Laserstrahl meine Karte abtastet, als ich sie vor das Lesegerät halte. Das kenne ich von der Ladenkasse im Supermarkt. Der Rechner im Inneren des Packautomaten schüttelt jedoch abweisend den Kopf. Steif und fest behauptet er: »Hier liegt kein Paket für Sie zur Abholung bereit«.

Hier liegt kein Paket für mich zur Abholung bereit? – Schönen Dank, Genosse Computer! Ich besitze eine Abholkarte. Ich befinde mich an der darauf genannten Adresse. Ich stehe vor der richtigen Packstation, und ich habe Touch Screen, Button und Scanner weisungsgemäß bedient. Vielleicht habe ich den Strichcode verkehrt herum gehalten? Gern versuche ich es noch einmal. Doch wieder heißt es, hier sei kein Paket für mich gelagert. Mehrmals wiederhole ich den Vorgang: Von oben und unten, von links und von rechts, mal schnell, mal langsam schiebe ich den Strichcode an dem Gerät vorbei. Der Laser linst und tastet, doch die Antwort bleibt immer gleich: »Hier liegt kein Paket für Sie zur Abholung bereit!« Das macht mich ganz schön wütend.

Anno Tobak wardie Welt noch in Ordnung: Ehemaliges Kaiserliches Berlin Postfuhramt

Ich stehe allein im modernen Paketpalast. Servicepersonal ist durch die Technik entbehrlich geworden. Leider befinden sich gerade auch keine Senioren in der Nähe, die mir bestimmt mit jahrzehntelangen Erfahrungen helfen könnten.

Der Touch Screen bietet indes die Verbindung zu einer Hotline. Ich drücke auf den verschmierten Bildschirm und, Wunder über Wunder, die Maschine schnauft, schnarrt und hustet. Eine Frauenstimme tönt aus dem Off und fragt mich nach meinem Begehr. Ich spreche in ihre Richtung, sie versteht mich nicht. Ich beuge mich zum Scanner und frage, ob es nun besser sei. Es rauscht im Karton. Schließlich erklärt sie, mich leidlich verstehen zu können. Ich wusste doch, es geht noch menschlich zu bei der guten alten Post.

Genau schildere ich der Stimme aus der gelben Schrankwand, ich stünde weisungsgemäß vor Packstation 133 und würde gern mein Päckchen in Empfang nehmen. Doch leider spiele die Maschine nicht mit. »Lesen Sie den Strichcode vor«, schnarrt die Stimme. Wie lese ich einen Strichcode vor, etwa dreimal dünn, zweimal dick, dann ein Leerraum? Bei näherem Hinsehen entdecke ich Zahlen unter den Strichen. Ein Glück, ich habe geschwiegen und mich vor einer Blamage bewahrt. Also bitte: »6-0-7-7-0-5-3-0-5-6-3-4«.

Knistern, Husten, Stimmengewirr. Es klingt fast, als stünde im Hintergrund ein Ausbilder, der meiner Frauenstimme souffliert. Vielleicht ist die gelbe Paketstimme noch in der Probezeit? Da geht es weiter. Das Orakel aus der Tiefe der Paketanlage verkündet mein Urteil: »Sie stehen in der falschen Station. Ihre Sendung liegt in Station 134«. – Wie bitte? – »Sie stehen in der falschen Station. Ihre Sendung liegt in Station 134«. Moment mal! Adresse und Strichcode sind doch zweifelsfrei gedruckt, was kann da falsch sein? Knister, knarrrrrrz. »Der Zusteller hat versehentlich die falsche Karte gegriffen. Ihre Sendung befindet sich in Station 134, Kaiser-Wilhelm-Strasse 61. Es tut uns leid.«.

Packstation, bitte sprich mit mir!

Wie wohltuend ist doch das Mitgefühl einer sprechenden Schrankwand im gesetzlich geschützten Postgelb! Nun soll ich das gesamte Procedere wohl noch einmal an anderer Stelle wiederholen! Das ist doch zum junge Hunde kriegen! Es reizt mich andererseits, endlich zu einem Ergebnis zu kommen. Außerdem bin ich wirklich neugierig auf mein Paket, das ich mir mittlerweile mehr als verdient habe. Auf geht es deshalb zur Kaiser-Wilhelm-Strasse, die glücklicherweise kaum zwei Kilometer entfernt liegt. Hier wiederholt sich der mir schon bekannte Abholprozess.

Leider gibt es auch an der neuen Adresse keine Hinweise auf die sagenhafte Packstation. Aber nun kenne ich den Weg, und da ich immer noch keine Postbankkarte mein eigen nenne, springe ich vor, als das automatische Maul des gelben Geldschranks gähnt und einen Kunden ausspeit. Schon bin ich im Inneren der angeblich Tag und Nacht zugänglichen Station, und wieder nimmt eine wuchtige Paketmaschine ohne menschliche Assistenz die gesamte Wand ein.

Doch jetzt bin ich Profi: Touch Screen, Button, Scanner, Code – alles geschieht bereits wie in Trance. Übung macht den Meister, und der bekommt jetzt dafür ein Überraschungsbonbon. Die Maschine reagiert und will mich tatsächlich akzeptieren: Ich soll meinen Namen eingeben. Das kann jeder, der die Benachrichtigung in Händen hält, denn dort ist er sauber in Kugelschreiberschwarz eingemeißelt. Ich tippe auf der Bildschirmtastatur herum. Blitz, gleich folgt der nächste Schritt: Jetzt soll ich mit dem Finger auf der Mattscheibe unterschreiben? Ich wische zwei feurige Striche auf den Fettfilm und grüße tausend Postkunden, die bereits vor mir ihre Bakterien wie Samenspenden auf der Glasplatte deponierten. Routiniert fragt die Maschine, ob dies meine Unterschrift sei. Wie jeder andere in meiner Situation bejahe ich freudig: Ich will mein Paket!

Wunderwelt der Technik: Es macht laut Plopp! Eine gelbe Klappe schwingt auf und lässt mich in ein Schließfach blicken. In diesem dunklen, tresorartigen Gelass wartet tatsächlich ein Päckchen. Schon ist es mein!

Die Jagd hat sich gelohnt.

 

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Ruprecht Frieling aka »Prinz Rupi« ist Autor, Verleger und Produzent. Der Mann mit dem Hippie-Herzen liebt Bücher, Blues, Bach, Wagner, Dada und Surrealismus.

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